Tagungsbericht

Über Möglichkeiten und Grenzen eines probaten Umganges mit den baulichen Hinterlassenschaften des NS-Regimes wird in Deutschland seit Jahren intensiv diskutiert. Hitzig geführte Debatten entzünden sich vor allem an der Frage, wie mit den unterschiedlichen Relikten der sogenannten Täterorte zu verfahren ist – Orte also, an denen die nationalsozialistischen Entscheidungsträger die Massenverbrechen des NS-Regimes planten und befehligten, sie jedoch nicht in die Tat umsetzten. Der Obersalzberg als Hitlers zweite Schaltstelle der Macht neben Berlin, in der er ein Drittel seiner Regierungszeit verbrachte, ist so ein Ort. Die Sprengung und Abtragung der meisten Gebäude konnte seine Anziehungskraft auf zahlreiche Menschen im In- und Ausland, die auch stark mit der Erwartung, im vermeintlichen Feriendomizil Hitlers Einblicke in dessen Privatleben zu erhalten, zusammenhängt, nicht mindern. Der richtige Umgang mit den noch erhaltenen Überresten ist unter Historikern, Denkmalpflegern, Vertretern der Landes- und Kommunalpolitik und die Bevölkerung vor Ort umstritten und wird konträr diskutiert.

Das Institut für Zeitgeschichte, München – Berlin und das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege veranstalteten daher am 14. und 15. März 2011 die Tagung „Täterorte. Zum schwierigen Umgang mit Relikten der NS-Vergangenheit“ in der Dokumentation Obersalzberg, um diese Problemfelder mit allen Beteiligten und Betroffenen in einem wissenschaftlich fundierten Rahmen zu erörtern. Im Mittelpunkt stand dabei vor allem eine Frage: Wie kann das aktuelle Zwei-Säulen-Konzept, das die gleichzeitige historische Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des Täterortes Obersalzberg in der Dokumentation und die Rückkehr zu den touristischen Wurzeln des Gebiets, die bis in das 19. Jahrhundert zurückreichen, fortgeschrieben und in ein Gesamtkonzept für die Erinnerungsarbeit am Obersalzberg eingebettet werden? Um mögliche Antworten aus unterschiedlichen Perspektiven heraus diskutieren zu können, reichte der thematische Zuschnitt der Tagung weit über orts- und regionalgeschichtliche Aspekte hinaus. Experten aus Deutschland und Österreich debattierten über methodische Grundsatzfragen, loteten mögliche Formen der Erinnerungsarbeit und Kooperation aus, referierten über den Umgang mit „Täterorten“ in beiden Ländern und analysierten die regionalgeschichtlichen Aspekte Berchtesgadens in vergleichender Perspektive.

Die Grußworte des Direktors des Instituts für Zeitgeschichte, Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Horst Möller (München), und des Generalkonservators des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege, Prof. Dr. Egon Johannes Greipl (München), eröffneten die Tagung. Horst Möller ging zunächst genauer auf die Entscheidung innerhalb des Zwei-Säulen-Konzepts ein, die Dokumentation zwar in unmittelbarer Nähe der historischen Orte auf dem Obersalzberg einzurichten, diese in die Ausstellung aber nicht durch Führungen direkt zu integrieren. Umstritten sei hierbei insbesondere die „Denkmalschutzwürdigkeit“ dieser Gebäude gewesen und die Frage, ob und wie diese wiederhergestellt werden sollen. Egon Johannes Greipl griff die Problematik des Begriffes „Denkmal“ auf. Die gängige Auffassung sei, dass nur zur Erinnerung an positive Ereignisse Denkmäler errichtet werden sollten. Tatsächlich seien Denkmäler aber als Zeugen bedeutender Ereignisse zu verstehen, unabhängig davon, ob diese positiv oder negativ konnotiert seien. Weiterhin betonte Egon Johannes Greipl, dass der authentische Ort, anders als eine Ausstellung, „altert, aber nicht veraltert“ und regte die Ergänzung des Zwei-Säulen-Konzepts um eine dritte Säule, die Denkmäler und damit die verbliebenen Originale, an.

Das erste Vortragspanel, das der Erklärung und Einführung in die Thematik „Täterort“ und des Umgangs mit den baulichen Hinterlassenschaften des NS-Regimes gewidmet war, wurde eingeleitet durch Dr. Axel Drecoll (München), dem wissenschaftlichen Leiter der Dokumentation Obersalzberg, der auf den Titel der Tagung einging und dessen Bedeutung erklärte. Täterorte seien danach „Kristallisationspunkte des negativen Gedächtnisses“ an die Zeit des „Dritten Reiches“, die wegen ihres fehlenden Opferbezuges ein besonderes Konfliktpotenzial beherbergten. Es müsse gleichzeitig an diese Orte erinnert werden, ohne, dass dies den Charakter einer positiven Würdigung bekäme.

Es folgte der Vortrag von Prof. Dr. Stefanie Endlich (Berlin), Honorarprofessorin für Kunst im öffentlichen Raum in Berlin. Anhand eines kurzen Abrisses über die historisch aufgearbeiteten deutschen Täterorte, erklärte sie die besonderen Aufgaben und Anforderungen, die „Täterorte“ an die Erinnerungs- und Vermittlungsarbeit stellten. Je anschaulicher die physische Beschaffenheit der Orte sei und je intensiver sich die Besucher mit deren Umfeld, Motivationen und Handlungsräumen auseinandersetzten, umso größer werde die Gefahr der Identifikation. Diese besondere „Aura“ der Orte müsse gebrochen werden, allerdings nicht auf dem Weg der teilweise bis heute praktizierten Abtragung und Zerstörung aller sichtbaren Überreste. Stefanie Endlich stellte darauf die unterschiedlichen Herangehensweisen verschiedener Täterorte heraus.

Der Präsident des Niedersächsischen Landesamts für Denkmalpflege, Dr. Stefan Winghart (Hannover), sprach anschließend über die Rolle der Denkmalpflege als Institution der historischen Wissenschaft und stellte mögliche Kriterien, nach denen Täterorte als Denkmäler identifiziert werden können, heraus. Anhand des Beispiels des Bückebergs, dessen Weitläufigkeit und Naturbelassenheit ihn im Dritten Reich zwischen 1933 und 1938 zum Standort der Reichserntedankfeste machte, erläuterte Stefan Winghart zum einen die vergleichsweise einfachen Mechanismen der Massensuggestion in der NS-Zeit und zum anderen die Abwehrreaktionen, die die Konfrontation mit Täterorten in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts hervorrief. Dieser Zentralort nationalsozialistischer Propaganda sei in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend vergessen oder –genauer gesagt verdrängt worden und sollte, obgleich er nach dem Niedersächsischen Denkmalschutzgesetz als Denkmal ausgewiesen sei, zur Bebauung freigegeben werden. Stefan Winghart betonte abschließend, dass neben der wichtigen Arbeit des Denkmalschutzes also auch die Öffentlichkeit und deren Meinung wichtig seien, da die fachliche Argumentation der Forschung immer kommuniziert werden müsse.

Dr. Jürgen Zarusky (München) vom Institut für Zeitgeschichte, München – Berlin warnte vor der Überhöhung baulicher Relikte zu Reliquien mit sakralem Charakter. Die aktuelle Tendenz, den historischen Ort als selbsterklärendes, „magisches Tor zur Vergangenheit“ wahrzunehmen, beurteilte er kritisch und stellte stattdessen die historische Erschließung weniger, bedeutender Relikte in den Mittelpunkt, um deren Aufladung mit einer solchen mythischen Aura zu verhindern. Man müsse sich von dem allgegenwärtigen „Ziegelsteinfetischismus“ abwenden und bei Vermittlung des Ortes auch ganz gezielt auf die an ihm nicht ablesbaren Teile der Geschichte hinweisen. Eine Gebäuderuine könne aus sich heraus schließlich nicht die Gesamtheit des Nationalsozialismus erklären.

Der zweite Teil der Tagung war ganz der Vorstellung weiterer historischer Orte gewidmet. Dr. Alexander Schmidt (Nürnberg), wissenschaftlicher Mitarbeiter am Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, betonte zunächst, dass „authentische Orte“ nicht mehr existierten, da sie heute vielmehr den Umgang mit der NS-Vergangenheit nach 1945 bezeugten. So wurden in Nürnberg Teile der Zeppelintribüne zunächst gesprengt und die Überreste erst seit 1983 im Zuge der Ausstellung „Faszination und Gewalt“ bewusst wahrgenommen und zur historischen Aufklärung genutzt. Ebenso stellte Alexander Schmidt anhand der ehemaligen Kongresshalle, die nun das Dokumentationszentrum beherbergt, den Effekt der architektonischen Verfremdung und Brechung vor. Ein 130 Meter langer, gläserner Gang, mit Blick auf den Architekten des Reichsparteitagsgeländes auch „Speer im Speer“ genannt, bohre sich diagonal durch das Gebäude und störe nachhaltig die rechtwinklige, steinerne Machtdemonstration der Nationalsozialisten. Alexander Schmidt regte eine ähnliche Vorgehensweise für die Gestaltung des Berghofgeländes an.

Dr. Thomas Lutz (Berlin), Leiter des Gedenkstättenreferats der Stiftung Topographie des Terrors, Berlin, ging daraufhin auf die historischen und erinnerungspolitischen Besonderheiten der „Topographie des Terrors“ im Vergleich zu den anderen Orten ein, die während der Tagung vorgestellt wurden. Thomas Lutz betonte dabei besonders die späte Wiederentdeckung und Würdigung des historisch bedeutsamen Dienstsitzes von Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt, auf dessen Gelände die Topographie sich heute befindet. Mit Blick auf die Berghofruine stellte er fest, dass mit den Gebäuderelikten des Berghofs eine ähnliche Situation bestehe wie in Berlin, wo die wenigen authentischen Überreste lediglich als Anstoßpunkt für die Ausstellung fungierten. Thomas Lutz betonte zwar, dass es ob der großen Unterschiede in der Topographie der Täterorte nicht möglich sei, fremde Konzepte 1:1 zu übernehmen, jedoch stellte er vier allgemeine Thesen als Anhaltspunkte für den Umgang mit Täterorten heraus, die auch für den Obersalzberg relevant seien. Erstens könne die Rezeption des Ortes in der Nachkriegszeit von dessen tatsächlicher historischer Bedeutung stark abweichen. Zweitens betonte er die Rolle, die die Öffentlichkeit und zahlreiche Initiativen in den 1970er und 1980er Jahren für die Errichtung der Erinnerungsstätten an Täterorten gespielt hätten. Drittens beschrieb Thomas Lutz den Umgang mit ebendiesen Orten als „Lackmustest für die Erinnerungskultur“, eine Art Reifezeugnis einer Gesellschaft beim Umgang mit negativer Erinnerung. Viertens sei „die Hoffnung, die Wirkung des Ortes dokumentarisch konterkarieren zu können, utopisch.“

Eine völlig andere Ausgangslage und Methodik präsentierte Dr. Monika Herzog (Pulheim) vom Amt für Denkmalpflege des Landschaftsverbandes Rheinland mit der „Thingstätte“ der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang. Die Ordensburg in ihrer Gesamtheit wurde weder durch Sprengung noch durch Abtragungen beschädigt und ist noch fast vollständig erhalten. Monika Herzog hob die besondere Rolle der vor einem Jahr wieder allgemein zugänglich gemachten und restaurierten Tribüne der Thingstätte hervor. Diese werde als „Ort der Weiterbildung“ für Führungen und auch als Kino genutzt. Die partielle Überschüttung der Zuschauerreihen mildere die von den Bauherren intendierte monumentale Wirkung im Nah- und Fernbereich lediglich, womit der Originalzustand der Anlage vor 1945 weiter erkennbar bliebe.

Anschließend folgte der Vortrag Dr. Jürgen Rostocks (Berlin), dem Leiter des Dokumentationszentrums Prora der Stiftung NEUE KULTUR, der das in einem der Gebäudeblöcke des ehemaligen „Kraft durch Freude“ Seebads auf Rügen situierte Dokumentationszentrum Prora, vorstellte. Obwohl wie in Vogelsang noch - fast alle Teile der Bausubstanz des Seebads vorhanden ist, stellt sich die Situation hier grundlegend anders dar. Wie Jürgen Rostock hervorhob, werde die Dokumentation zum einen weder von der Bundesrepublik Deutschland noch vom Land Mecklenburg-Vorpommern, sondern nur von der EU gefördert. Weiterhin befänden sich große Teile der Gebäudeblöcke seit 2004 in Privatbesitz. Ähnlich wie am Obersalzberg, betonte Jürgen Rostock, benötigten diese Gebäude aber dringend der historischen Aufarbeitung, da sie den „in Stein geronnenen falschen Glanz des Dritten Reiches“ symbolisieren würden. Das Ziel der neuen Investoren sei aber die „Verhübschung“ der Anlage und ganz besonders „nicht so viel Nationalsozialismus“ zu präsentieren, was die Zukunft des Dokumentationszentrums ungewiss mache.

Selbst Historiker, so leitete der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Prof. Dr. Günter Morsch (Oranienburg) seinen Vortrag ein, wüssten teilweise nicht um die große Bedeutung der reichsweiten Verwaltungszentrale der Konzentrationslager in Oranienburg. Dabei handele es sich um das bedeutendste zentrale Verwaltungsgebäude der „Schreibtischtäter“, das heute noch erhalten sei. In der Öffentlichkeit sei der Ort noch unbekannter, was wohl auch dazu führte, dass in den 1990er Jahren nur ein kleiner Teil des ehemaligen Gebäudes zur Gedenkstätte gemacht, während der überwiegende Teil einem Finanzamt zur Nutzung überlassen wurde. Wichtiger als die architektonische Verfremdung und die erfolgreiche historische Aufarbeitung der Orte sei deshalb die „sich zur negativen Geschichte bekennende Gesellschaft, die diese Stätten besonders macht.“

Dr. Barbara Stelzl-Marx (Stellvertretende Leiterin des Ludwig Boltzmann-Institutes für Kriegsfolgen-Forschung, Graz) informierte anschließend über den österreichischen Umgang mit der NS-Vergangenheit anhand ausgewählter Gedächtnisorte. Ähnlich wie Alexander Schmidt betonte Barbara Stelzl-Marx, dass Erinnerungsorte und Denkmäler nicht nur Aufschluss über das „Dritte Reich“, sondern auch über die Zeit ihrer Setzung und die vorherrschende Erinnerungskultur geben würden. Im Fokus standen insbesondere die Gestapo-Leitstelle am Morzinplatz in Wien, wo im April 1990 ein Brandanschlag auf das Mahnmal verübt wurde, Hitlers Geburtshaus in Braunau, dessen Sprengung die Amerikaner zu Kriegsende verhindert hatten und der Schießplatz Feliferhof westlich von Graz. Gleichzeitig ging Barbara Stelzl-Marx aber auch auf die umstrittene Natur der zahlreichen Denkmäler für Kriegshelfer ein.

Den ersten Vortragstag beschlossen Kurzvorträge von Dr. Walter Irlinger (München), Abteilungsleiter im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege und Johannes Ibel, dem Leiter der historischen Abteilung der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Walter Irlinger stellte zunächst die Geschichte des „Braunen Hauses“, der ehemaligen NS-Parteizentrale, dar, auf dessen ehemaligen Standort ein NS-Dokumentationszentrum errichtet werden soll. Hier wurden nach Abschluss der Ausgrabungsarbeiten die Kellermauern, die zum überwiegenden Teil aus dem 19. Jahrhundert stammen, abgetragen. Im Boden verblieb ein kleines Segment, das vielleicht in das neu entstehende Dokumentationszentrum integriert werden soll. Der Ausbau der Gedenkstätte an der ehemaligen Rüstungsbaustelle Mühldorfer Hart, die sowohl wegen des KZ-Standorts, als auch aufgrund der noch gut sichtbaren Infrastruktur der Baustelle, nötig sei, werde zur Zeit  aktiv angegangen. Die zentralen Bereiche des Bunkerbogens mit Infrastruktur, der Standorte der Massengräber und verschiedene Bereiche der Waldlager sind aber nun in die Bayerische Denkmalliste eingetragen.

Johannes Ibel berichtete von der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Er beklagte, dass seit Kriegsende eine Siedlung mit Wohnhäusern und Industriegebäuden beständig in das ehemalige Lagergelände hinein gebaut worden sei. Der Denkmalschutz für die verbliebenen Gebäude sei nötig, um die Erinnerung an das Lager überhaupt erhalten und die vollständige Unkenntlichmachung des Geländes durch die Siedlung verhindern zu können.

Der thematisch dritte Teil am zweiten Tagungstag war schließlich ganz der Darstellung und Weiterentwicklung des Täterortes Obersalzberg gewidmet. Dabei standen die Denkmalpflege und das Gesamtkonzept des Instituts für Zeitgeschichte für die Weiterentwicklung des Zwei-Säulen-Konzeptes im Vordergrund.
 
Dies wurde eingeleitet durch einen Vortrag der Museumspädagoginnen der Dokumentation Obersalzberg, Claire Keruzec und Nina Riess (Berchtesgaden). Sie thematisierten die Erwartungshaltung der Besucher – ihr „Gepäck“ – und die Aufgaben und Möglichkeiten der Museumsdidaktik, daran anzuknüpfen, um so einen Zugang zu den Besuchern zu finden. Die Motive für den Besuch seien mangels einer umfassenden Besucherbefragung schwer feststellbar, ließen sich aber wohl am besten als „diffuse Neugier“ beschreiben. Diese entstehe aus dem Glauben, dass räumliche Nähe die zeitliche Distanz überbrücken könne. Pädagogisch könne dieses Interesse, das sich oft ausschließlich auf Hitlers Privatleben konzentriere, dann genutzt werden, um ein Gesamtbild des NS-Staates, sozusagen „durch die Hintertüre“, zu vermitteln. Die didaktische Aufarbeitung müsse aber auch auf die Berghofruine ausgeweitet werden, um das von der nationalsozialistischen Propaganda verbreitete und immer noch präsente Bild von Hitlers malerischem Feriendomizil aktiv neu zu besetzen.  

Walter Irlinger erläuterte daraufhin den Stand der Denkmalerfassung auf dem Obersalzberg. Insgesamt wurden vier Zeitschichten erfasst. Er gab einen Überblick über die bäuerlich geprägte Geschichte des Obersalzbergs vom 14. bis 20. Jahrhundert, die mit dem Nationalsozialismus erloschen ist und ging auf die kurze Zeit der „Sommerfrische“ von 1900 bis 1933 ein, die den Beginn der touristischen Erschließung des Geländes markierte. Die Methoden und Resultate einer differenzierten Erfassung der Zeit des Nationalsozialismus wurden anhand ausgewählter Beispiele, wie des Berghofareals, des Guthofes, weiterer Teile der Bebauung am Obersalzberg sowie des Kehlsteingebietes erläuterte. Die jüngste Zeitschicht bilden schließlich die Elemente der amerikanischen Nutzung als „Recreation Area“. Die Denkmäler auf dem Obersalzberg zeigen daher in eindringlicher Form, wie zwangsweise eine alpine, für das Berchtesgadener Land typische Siedlungslandschaft erloschen ist und zu einem Täterort verwandelt wurde, dessen Hinterlassenschaften bis heute das Landschaftsbild beeinflussen.
 
Das Gesamtkonzept Obersalzberg des Instituts für Zeitgeschichte, München – Berlin wurde anschließend von Axel Drecoll und Albert Feiber (München), Kurator der Dokumentation, vorgestellt. Axel Drecoll erklärte die Notwendigkeit einer bewussten Konkretisierung und Begrenzung des Umfangs der Dokumentation. Chronologisch solle sich die Dokumentation zum einen auf die NS-Zeit beschränken, da nur aus dieser die globale Bedeutung des Obersalzbergs resultiere. Topographisch müsse darüber hinaus eine Auswahl der Gebäude nach deren historischer Aussagekraft erfolgen, um die Entstehung eines NS-Wanderpfades zu verhindern. Laut Axel Drecoll erfüllten lediglich der Berghof und das Kehlsteinhaus diese Kriterien. Weiterhin müsse auf die Ikonographie des Obersalzbergs in der Ausstellung bewusst eingegangen werden. Das sei nötig, da, wie Claire Keruzec bereits hervorhob, zahlreiche Propagandabilder aus der Zeit des „Dritten Reiches“ noch im Umlauf seien, welche damals wie heute ihre Wirkung entfalten könnten.
 
Albert Feiber erläuterte das neue Gesamtkonzept Obersalzberg. Dabei zog er zunächst eine positive Bilanz des Zwei-Säulen-Konzepts. Er betonte, dass die zahlreichen Befürchtungen bezüglich der Errichtung der Dokumentation sich nicht bewahrheitet hätten. Weder sei es zu Vandalismus gekommen, noch sei eine Wallfahrtsstätte von Alt- und Neonazis mit der Verharmlosung der Verbrechen an einem Ort entstanden, an dem das Privatleben der Täter im Mittelpunkt stand. Auch das Ansehen Berchtesgadens habe keinen Schaden genommen, sondern, im Gegenteil, sei dieses durch die Dokumentation gestiegen. Die Dokumentation habe mit rund 160.000 Besuchern pro Jahr die ursprünglichen Erwartungen um mehr als das Fünffache übertreffen können. Gleichzeitig sei ein deutlicher  Rückgang der Anzahl rechtsextremistischer Schmierereien und „Wallfahrer“, insbesondere zu den Überresten des Berghofs, festzustellen. Trotzdem gebe es noch einige „offene Baustellen“, die man mit dem Gesamtkonzept Obersalzberg angreifen wolle. Dabei müsse Konsens zwischen allen Beteiligten gesucht werden und insbesondere die Bevölkerung am Ort weiter in die Planung eingebunden und deren wirtschaftliche Interessen berücksichtigt werden.

Das Gesamtkonzept sieht den Paradigmenwechsel vom „Touristenort mit einem Appendix Lernort“ zum „Lern- und Erinnerungsort Obersalzberg mit touristischer Komponente“ vor. Dabei müsse die Dokumentation weiterhin im Mittelpunkt der Erinnerungsarbeit am Obersalzberg stehen, gleichzeitig aber die Topographie des Ortes mit eingebunden werden. Ein erster Schritt sei eine einheitliche Ausschilderung des ganzen Obersalzberg-Gebietes mit Wegweisern und Informationstafeln.
Mit einem einheitlichen Corporate Design würde nicht nur die Kommunikation mit den Besuchern verbessert, sie würde auch zeigen, in welchem Maße sich die Verantwortlichen mit der Dokumentation Obersalzberg identifizieren. Albert Feiber betonte weiterhin, dass auch die Integration des Berghofes und des Kehlsteinhauses in die Dokumentation nötig sei. Durch ausführliche Informationen an diesen historisch wichtigen Plätzen solle der Ort entmystifiziert werden. Die Erfahrungen mit der provisorischen Tafel auf dem Berghof-Grundstück - das Wort „Holocaust“ werde darauf immer wieder zerkratzt – zeige, dass mit dem Problem offensiv umgegangen werden müsse. In diesem Zusammenhang stellte er die Frage nach der Verwendung eines künstlerischen Konzeptes in den Raum. Im Gegenzug habe das Kehlsteinhaus nach 1945 eine seiner eigentlichen Bedeutung nicht entsprechende Aufmerksamkeit bekommen und werde bis heute oft noch mit dem Berghof verwechselt. Das Gasthofgebäude müsse deshalb dringend historisch erschlossen und, wie der Berghof, als Satellitenausstellung in die Dokumentation integriert werden. Ergänzend müssten diese Außenstellen der Dokumentation in das museumspädagogisches Konzept eingebunden werden und durch offizielle Führungen erschlossen werden.

Nötig sei ebenfalls die kritische Überprüfung der lokal vertriebenen Veröffentlichungen, die nach wie vor teilweise die NS-Propagandabilder unkritisch weiterverbreiten würden. Dieses soll durch ein neues Publikationsangebot ersetzt werden. Abschließend schlug Albert Feiber die Einrichtung einer „Internationalen Jugendbegegnungsstätte“ vor, die den Lern- und Erinnerungsort Obersalzberg weiter aufwerten solle.

In der anschließenden Diskussion wurde mehrfach durch Wortmeldungen aus dem Publikum eine mutige und deutliche Verfremdung des Berghofs mit künstlerischer Neugestaltung gefordert, deren konkrete Form durch Ausrufung eines internationalen Wettbewerbs festgelegt werden solle. Dies wurde insbesondere von Alexander Schmidt und dem Moderator der Diskussion Prof. Dr. Winfried Nerdinger (München), Leiter des Architekturmuseums der Technischen Universität München, unterstützt.

Die Tagung wurde mit einer Podiumsdiskussion unter dem Titel „Touristenort, Täterort, Lernort. NS-Vergangenheit, Erinnerungsarbeit  und Denkmalpflege am Obersalzberg“ abgerundet. Aufgrund des erwarteten Interesses auch in der Bevölkerung fand sie im großen Saal des Kur- und Kongresshauses Berchtesgaden statt. Podiumsteilnehmer waren Landrat Georg Grabner (Bad Reichenhall), Dr. Walter Schön (München) in seiner Funktion als Stiftungsrat der Berchtesgadener Landesstiftung, Dr. h. c. Charlotte Knobloch (München), die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Prof. Dr. Egon Johannes Greipl (München) als Generalkonservator des Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, Dr. Gabriele Hammermann (Dachau), die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau und Kreisheimatpfleger Johannes Schöbinger (Berchtesgaden). Die Moderation übernahm wiederum Winfried Nerdinger.

Die folgende Diskussion konzentrierte sich schnell und fast ausschließlich auf die Problematik des Denkmalschutzes für nationalsozialistische Gebäude. Georg Grabner und Walter Schön gaben ihrer Befürchtung Ausdruck, die vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege geplante Aufnahme von zehn Gebäuden des Obersalzbergs in die Denkmalliste könne eine nicht intendierte symbolische Wirkung erzielen. Dies käme ihrer Meinung nach einer offenen Würdigung des Nationalsozialismus gleich und würde die Gefahr einer Wiederbelebung neonazistischer Wallfahrten stark erhöhen. Insbesondere der Landrat betonte im Zuge dessen den Erfolg der „exzellenten Dokumentation“ und des Zwei-Säulen-Konzeptes, das keine Veränderung benötige. Walter Schön bezweifelte einen möglichen Lerneffekt, den die wenigen baulichen Überreste des Berghofs erzielen könnten und hielt deswegen ein zur Aufnahme in die Denkmalliste nötiges „allgemeines Interesse“ für nicht gegeben. Wie darauf in einer Wortmeldung aus dem Publikum eingeworfen wurde, könne eine bessere Aufarbeitung den Obersalzberg und insbesondere den Berghof entmystifizieren und somit eine „Wallfahrt“ zu den momentan bewusst vergessenen Ruinen weniger attraktiv machen. Auch Johannes Schöbinger sprach sich für den Denkmalschutz und das Gesamtkonzept des Instituts für Zeitgeschichte aus, da nur so das volle Potenzial des Ortes zur Bildung und Aufklärung der Besucher genutzt werden könne.

Die Errichtung einer Internationalen Jugendbegegnungsstätte, die besonders Charlotte Knobloch am Herzen lag, wurde dagegen allseitig begrüßt und gewünscht. Charlotte Knobloch forderte mehrfach auch die Einbindung der Jugend und der Berchtesgadener vor Ort bei der Gestaltung des neuen Konzeptes, da „jede Generation die Thematik anders behandeln und sehen“ würde. Sie sprach sich allerdings gegen einen Denkmalschutz für die Gebäude und stattdessen für den Ausbau der Dokumentation aus. Sie schloss mit der Hoffnung, dass gleichzeitig mit dem großen Münchner Ziel, den Olympischen Winterspielen 2018, alle diesbezüglichen Raumprobleme behoben werden könnten.

Gabriele Hammermann betonte die gute Zusammenarbeit von Denkmalpflege und Gedenkstättenstiftung und unterstützte die konzeptionellen Vorstellungen des Instituts für Zeitgeschichte. Abschließend forderte sie die Ausschreibung eines Wettbewerbs zur künstlerischen Gestaltung des Berghofs sowie die Ergänzung der Dokumentation um die Geschichte des Umgangs mit dem „Täterort Obersalzberg“ nach 1945 und ein Besucherzentrum.

Es folgten zahlreiche Wortmeldungen aus dem Publikum. Wiederholt wurde die Haltung des Denkmalschutzes unterstützt. Schützenswert seien demzufolge nicht nur die erinnerungswürdigen Orte, die „positive“ historische Anschlussmöglichkeiten böten. Winfried Nerdinger betonte an dieser Stelle, wie wichtig es sei, ein ganzheitliches Bild des Nationalsozialismus zu vermitteln, das von der „Banalität“ der schlichteren Wohnhäuser Görings und Bormanns auf dem Obersalzberg zu dem propagandistisch genutzten Berghof bis zum dort geplanten Schicksal der Opfer reiche. Weitere Wortmeldungen regten die bereits vielseitig geforderte Ergänzung der Ausstellung um die Geschichte des Umgangs mit den Gebäuden an.

Alexandra Esche                                       

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