Im Gedenken an Dr. Volker Dahm

Die Dokumentation Obersalzberg trauert um ihren langjährigen Wissenschaftlichen Leiter Dr. Volker Dahm, der am 19. April 2020 nach schwerer Krankheit verstarb.

Anfang der 1980er Jahre stieß Volker Dahm als Quereinsteiger zum IfZ-Projekt „Akten der Partei-Kanzlei der NSDAP“, in dem die bei Kriegsende vernichteten Akten aus Empfänger-Überlieferungen rekonstruiert wurden. Dabei erwarb er sich eine umfassende Kenntnis der Archivlandschaft und der Quellen des Nationalsozialismus sowie ein ungewöhnlich großes Fachwissen über die NS-Zeit. Dies ist umso bemerkenswerter, da Dahm von Haus aus kein Historiker war. Nach seinem Studium der Neueren deutschen Literaturgeschichte und Publi­zistik arbeitete er zunächst einige Jahre als Lektor und Werbeleiter großer Verlage. Als er sich erneut der Wissenschaft zuwandte, knüpfte er an diese Interessen an und wurde 1983 zum Korrespondierenden Mitglied der Historischen Kommission des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels berufen. Ein Jahr später erhielt er den Geldpreis der Schocken Foundation New York für sein bis heute als Standardwerk geltendes und mehrfach neu aufgelegtes Werk „Das jüdische Buch im Dritten Reich“ (2 Bände 1979/1981), das auf seiner Dissertation beruhte. Noch vor wenigen Wochen erreichten ihn mehrere Anfragen und Einladungen zu diesem Thema, die er krankheitsbedingt jedoch nicht mehr wahrnehmen konnte.

Die Beschäftigung mit der Geschichte des Buchhandels und der Kultur im „Dritten Reich“ führte Dahm über die Erforschung der Reichskulturkammer zur Auseinandersetzung mit der Volksgemeinschaftsideologie und ihrer Umsetzung in der gleichgeschalteten Gesellschaft. Da­neben betätigte er sich als Bearbeiter und Herausgeber von Editionen, etwa der Goebbels-Tagebücher und, zusammen mit Kollegen der Universität Bergen, der „Meldungen aus Nor­wegen“ des Befehlshabers der Sicherheitspolizei und des SD. Seit Anfang der 1990er Jahre war Dahm zudem als Gutachter im IfZ nicht nur für die Bereiche Kultur- und Judenpolitik verant­wortlich, sondern auch für den umfangreichen und komplizierten Bereich der staatlichen Be­hörden und der NSDAP bis Kriegsbeginn. Aus dieser Zeit stammen auch sein Interesse und seine intime Kenntnis des nationalsozialistischen Terrorapparats und anderer NS-Organisatio­nen. Daneben war er immer wieder als Sachverständiger vor Gericht bei Strafverfahren wegen öffentlicher Verwendung von verfassungsfeindlichen Kennzeichen nach § 86a StGB tätig. Er eignete sich dabei ein umfangreiches juristisches Spezialwissen an und kämpfte gegen eine Rechtsprechung oberster Gerichte, die ihm fragwürdig erschien. Nicht zuletzt durch sein En­gagement änderte der Bundesgerichtshof seine Haltung zu Gunsten einer einheitlichen, rest­riktiveren Auslegung des Paragraphen 86a.

Relativ spät erst fand Volker Dahm dagegen zu seiner eigentlichen Berufung. 1996 wurde das IfZ vom Freistaat Bayern beauftragt, ein Konzept für eine Dauerausstellung am Obersalzberg zu erarbeiten. Mit dieser Aufgabe wurde Dahm betraut. Zwar kannte er den Ort und seine Problematik durch ein Gutachten über die dort jahrzehntelang verbreiteten Hochglanzbro­schüren, aber er hatte – wie damals alle anderen Kollegen im IfZ auch – keine praktische Er­fahrung mit Ausstellungen. Dahm war für den Obersalzberg ein Glücksfall: Nachdem das bay­erische Finanzministerium sein Konzept für eine Dauerausstellung gebilligt hatte, wurde das IfZ auch mit der Umsetzung beauftragt. Schnell arbeitete er sich in die neue und für den Historiker fremde Materie ein. Hier bot sich dem vielseitig Interessierten die Möglichkeit, nicht nur sein umfangreiches historisches Wissen praktisch umsetzen und einer breiten Öffentlich­keit präsentieren zu können. Hier konnte er auch seine Erfahrungen als Lektor und Werbelei­ter im Verlagswesen und juristischen Kenntnisse einbringen.

Der große Erfolg der Dokumentation Obersalzberg war nicht zuletzt das Verdienst Volker Dahms. Sein Rat und gelegentlich auch seine Mitarbeit wurde von anderen Einrichtungen ge­sucht. So verfasste er für das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg Ausstellungstexte und übernahm den Vorsitz im ersten Fachbeirat der NS-Dokumentation Ordensburg Vogelsang.

Hinter einer manchmal rauen Schale verbarg sich ein liebenswerter Kollege, der sich mit seiner gradlinigen, stets verlässlichen und bescheidenen Art große Sympathien erwarb. Damit trug er auch wesentlich zu einem guten und – trotz der manchmal belastenden Themen – angenehmen Betriebsklima bei.

Dahm leitete die Dokumentation bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2009.

Wir werden Volker Dahm ein bleibendes Angedenken bewahren.

Den Nachruf als pdf finden Sie hier!

Den Nachruf der Vogelsang IP gGmbh auf Volker Dahm finden Sie hier!

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