Idyll und Verbrechen

IfZ stellt in Berchtesgaden das neue Ausstellungskonzept für die Dokumentation Obersalzberg vor.

Ende Oktober 2017 hat der Freistaat Bayern den Grundstein für die neue Dokumentation Obersalzberg gelegt. Mit der Erweiterung rüstet sich der Lern- und Erinnerungsort bei Berchtesgaden für den seit Jahren steigenden Besucherzuspruch: Etwa 170.000 Menschen drängen Jahr für Jahr in die Ausstellung über die Geschichte des Obersalzbergs und die Zeit des Nationalsozialismus. Mit der auf 800 Quadratmeter deutlich vergrößerten Fläche, die zusätzlich noch rund 230 Quadratmeter für Wechselausstellungen bietet, kann auch die Dauerausstellung neu konzipiert werden. Zuständig für die Neugestaltung ist das Institut für Zeitgeschichte München – Berlin (IfZ), das die Einrichtung seit ihrer Eröffnung im Jahr 1999 im Auftrag des Freistaats Bayern wissenschaftlich und museumsfachlich betreut. Das Team des IfZ hat dafür unter dem Leitmotiv „Idyll und Verbrechen“ ein ambitioniertes Konzept entwickelt, das mit mehr als 350 Exponaten und zahlreichen multimedialen Elementen die Geschichte des Obersalzbergs neu vermitteln wird. Für die Raumidee und gestalterische Umsetzung zeichnet das Büro ramicsoenario Ausstellungsgestaltung aus Berlin verantwortlich. Bei einer öffentlichen Abendveranstaltung am 24. Mai in Berchtesgaden haben Axel Drecoll, Sven Keller und Albert Feiber das neue Konzept erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt.

Kernelemente der neuen Dauerausstellung

In der Idylle der Berchtesgadener Alpen unterhielt Hitler seinen zweiten Regierungssitz. Die Neukonzeption der Dauerausstellung setzt sich zum Ziel, die enge Verbindung des Obersalzbergs mit den furchtbaren Massenverbrechen des NS-Regimes aufzuzeigen. Aus dem Führersperrgebiet Obersalzberg wurde die brutale Expansions- und Kriegspolitik des nationalsozialistischen Staates gesteuert, hier fielen zentrale Entscheidungen zu Verfolgung, Massenverbrechen und Völkermord.

Drei Kernaussagen sollen diese Verbindung verdeutlichen:

1.    Der fundamentale Zusammenhang von Entscheidungen am Obersalzberg und den Entscheidungswirkungen an den Orten, an denen die Nationalsozialisten ihre Verbrechen in die Tat umsetzten: Das Begriffspaar „Täterort und Tatorte“ bringt diesen Zusammenhang prägnant auf den Punkt und überschreibt das zentrale Kapitel der Ausstellung.

2.    Die fast unerträgliche Diskrepanz zwischen dem idyllischen Regierungssitz vor Alpenkulisse, an den sich die Spitzen des Regimes für ihre Beratungen zurückzogen und den Verbrechensschauplätzen, an denen überall in Europa und weit darüber hinaus Millionen von Menschen ihr Leben verloren.

3.    Die Gleichzeitigkeit von (inszeniertem) Alltag und Verbrechen: Die Parallelität von schönem Schein, den Verheißungen der „Volksgemeinschaft“ und gelebter Normalität auf der einen, von Diskriminierung, Gewalt und Massenmord auf der anderen Seite lässt sich am Obersalzberg besonders eindringlich veranschaulichen. Sie ist allerdings nicht nur für diesen besonderen Ort kennzeichnend, sondern stellt ein fundamentales Strukturprinzip der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft dar. Die Gleichzeitigkeit von Alltag, Verfolgung und Verbrechen gehörte zur Normalität des NS-Regimes, von den Wohnsitzen der Regimespitze auf dem Obersalzberg bis hin zu den entlegensten Winkeln des Reiches.

Biografien und regionale Schauplätze schaffen Bezugspunkte

Um diese didaktischen Leitmotive anschaulich vermitteln zu können, arbeitet die neue Ausstellung mit ausgewählten Biografien, deren Handlungen und Schicksale an ausgewählten Schauplätzen konkret verortet werden können. Wesentliches Merkmal ist dabei auch die Verknüpfung mit Orten in der Region. Dieser exemplarische Zugriff macht die Folgen der NS-Politik im Einzelschicksal deutlich, wirft Fragen nach Handlungsspielräumen im lokalen Kontext auf und bietet den Besucherinnen und Besuchern Anknüpfungspunkte an die eigene Lebenswirklichkeit.

Inhaltlich gliedert sich die Ausstellung in fünf Kapitel:

1. Die Bühne Obersalzberg

2. „Führer“, Volk und Sperrgebiet

3. Bergwelt und Weltmacht

4. Täterort und Tatorte

5. Nach Hitler

Sie beschreiben den historischen Ort, seine Topografie und seine Inszenierung (1), die Gesellschaft im Nationalsozialismus (2), Expansion und Krieg (3), die NS-Verbrechen an ausgewählten Tatorten (4) und den Obersalzberg nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes (5).

Schlüsselexponate erzählen Geschichte

Durch die einzelnen Kapitel leiten Erzähleinheiten, die anhand eines Schlüsselexponates verschiedene Themenkomplexe in einem Ausstellungsobjekt verbinden können. Damit trägt das Konzept der neuen Ausstellung auch vielfältigen Erfahrungen aus der Besucherforschung Rechnung: Der Weg durch die Ausstellung ist modular gestaltet, kann also auf einem „idealen“ Weg begangen werden, genauso aber entlang individueller Etappen, die sich die einzelnen Besucherinnen und Besucher selbst setzen. Das Exponat steht dabei im Vordergrund. Es erzählt seine Geschichte und wirft Fragen auf, weckt die Aufmerksamkeit des Besuchers und regt zum Nachdenken an. Ergänzt wird die didaktische Ausstattung durch verschiedene Medienstationen, die den Besucherinnen und Besuchern Gelegenheit geben, die einzelnen Themen, Orte und Biografien individuell zu vertiefen.

Zu den zentralen Vermittlungsanliegen der Dokumentation Obersalzberg gehört, die Kompetenz zur kritischen Reflexion zu fördern. Die Eröffnung der Ausstellung ist für 2020 geplant. Sie wird begleitet durch ein umfassendes Bildungsangebot, für das das alte Ausstellungsgebäude als Bildungszentrum zur Verfügung stehen wird.

Bildnachweise:

Bild 1: "Täterort und Tatorte" - Computersimulation vom zentralen Kapitel der neuen Daueraustellung (ramicsoenario Ausstellungsgestaltung)

Bild 2: Modell der neuen Dauerausstellung, erstellt von ramicsoenario Ausstellungsgestaltung (Foto: Sven Keller)

Bild 3: Verknüpfung von Ortsgeschichte und NS-Regime - Computersimulation der neuen Dauerausstellung (ramicsoenario Ausstellungsgestaltung)

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