Inhaltliche Erneuerung

Die räumliche Erweiterung erfordert eine grundlegende Überarbeitung der Dauerausstellung. Seit der Fertigstellung der Erstkonzeption 1999 haben sich sowohl die internationale Forschung zum NS-Regime als auch die museumsdidaktischen Standards überaus dynamisch entwickelt. Die künftige Ausstellung wird an dieser Entwicklung gemessen werden.

Dabei kann bei der Überarbeitung der Dauerausstellung einerseits auf dem Bestehenden aufgebaut und die Substanz der jetzigen Ausstellung im Kern beibehalten werden. Andererseits sind spezifische Neuakzentuierungen und Überarbeitungen, die den fachwissenschaftlichen und museumsdidaktischen Fortschritten der letzten beiden Jahrzehnte Rechnung tragen, eine selbstverständliche Herausforderung, aber auch Chance für den Ausstellungsort Obersalzberg. Das IfZ hat im Spätsommer 2012  ein Konzeptpapier hierfür vorgelegt. Darin enthalten sind ebenfalls erste Vorschläge für einen künftigen Umgang mit dem Berghofgelände, das künftig ein integraler Bestandteil der Dokumentation Obersalzberg sein wird. Dies war bereits bei der Tagung „Täterorte“ im Jahr 2011 von sämtlichen Experten dringend empfohlen worden.

Konzept

Das Team der Dokumentation Obersalzberg hat "10 Punkte der Geschichtsvermittlung" formuliert, die als Richtlinien und Grundlage für die Arbeit an der neuen Daueraustellung dienen:

                Die 10 Punkte der Geschichtsvermittlung

Den Ort Besetzen. Die Dokumentation Obersalzberg besetzt den historischen Ort und garantiert wissenschaftlich-didaktische Geschichtsvermittlung auf höchstem Niveau. Die Einrichtung nutzt die Aufmerksamkeit Hunderttausender Interessierter um Aufklärungsarbeit auf dem Fundament unserer rechtstaatlich-freiheitlichen Gesellschaftsordnung zu leisten.


Historische Zusammenhänge deutlich machen. Die Dauerausstellung verbindet die Ortsgeschichte des zweiten Regierungssitzes der NS-Regierung und seine historische Topografie mit allgemeinen Aspekten des nationalsozialistischen Regimes und mit seinen Verbrechen. Die Nachgeschichte widmet sich dem Umgang mit dem historischen Ort nach 1945. So werden die verheerenden Folgen der Politik deutlich, die von diesem Ort ausging – und es werden die Zeitschichten sichtbar, die dem Obersalzberg seine heutige Gestalt verleihen.


Diskrepanz veranschaulichen. Besonders drastisch führt der historische Ort die Diskrepanz vor Augen zwischen dem Alltag der Mächtigen und ihrer Entourage vor grandioser Bergkulisse am Täterort auf der einen Seite und dem furchtbaren Verbrechensalltag an den zahlreichen Tatorten auf der anderen. Die Diskrepanz entlarvt die gefällig inszenierten, rassischen Homogenitätsversprechen als perfide Mogelpackung, ursächlich für Krieg und Massenmord.


Gleichzeitigkeit aufzeigen. Beides, die tägliche Routine in den bayerischen Alpen und die Massenverbrechen, waren zeitgleiche Phänomene. Die Geschichte des Obersalzbergs veranschaulicht eindrucksvoll, wie nahe vermeintliche Normalität und Ausnahmezustand, Alltag und Verbrechen, im diktatorischen Regime beieinander lagen und fließend ineinander übergingen.


Propagandistische Bildwelten dekonstruieren. Der Obersalzberg war eine politische Bühne mit enormer Medienpräsenz für die Regimespitze und ihre Entourage. Die Inszenierung gaukelte friedliche Eintracht zwischen „Führer“, Volk, Mensch und Natur im „Dritten Reich“ vor. Diese wirkungsmächtigen Bilder werden dekonstruiert und die NS-Propaganda demaskiert.


Geschichtsbilder hinterfragen. Der Blick hinter die Kulissen des Regimes schult das kritische Auge und lädt zum genauen Hinsehen ein. Bis heute weit verbreitete Geschichtsbilder werden hinterfragt und der Konstruktionscharakter virtueller Scheinwelten offengelegt.


Kompetenz zur kritischen Reflexion fördern.
Die Veranschaulichung historischer Zusammenhänge fördert das kritische Bewusstsein, verweist auf Grauzonen und nimmt Abstand von vereinfachenden Schwarz-Weiß-Schemata. Sie schafft durch die Beschäftigung mit Geschichte eine Grundlage für die politische Meinungsbildung.


Museale Vermittlungsformen. Die Dokumentation Obersalzberg definiert sich als Geschichtsmuseum. Sie erzählt, interpretiert und inszeniert Geschichte durch die Anordnung von Objekten und Exponaten im Raum. Sie will nicht belehren, sondern zum Nachdenken anregen, ist einem multiperspektivischen und partizipatorischen Ansatz verpflichtet und legt Deutungen und Wissenslücken offen. Auch dadurch wird die kritische Kompetenz des Betrachters gefördert.


Mut zum Objekt. Die Dauerausstellung nutzt die Anmutung von Objekten und ihre visuelle Stimulanz um Neugier und Aufmerksamkeit zu erregen. Durch Kontextualisierung und Dekonstruktion wird das Erstinteresse in kritische Reflexion überführt. Das Hauptnarrativ der Ausstellung bilden ausgewählte Schlüsselexponate, deren optische und inhaltliche Verbindung die verschiedenen Erzählungen und Inhalte zusammenführt.


Der musealen Erzählung Raum und Zeit geben. Sichtachsen und offene Räume strukturieren den Ausstellungsraum und lenken den Blick auf ausgewählte Exponate und deren Kontext. Die Ausstellungsinhalte sind in verschiedene Ebenen untergliedert, die durch die Besucherinnen und Besucher in klar definierten Zeiträumen erfassbar sein müssen. Ganz bewusst verzichtet die Ausstellung auf den Anspruch von Vollständigkeit im Sinne einer Totalgeschichte des NS und bekennt sich zur objektbezogenen, exemplarischen Darstellung und Diskussion historischer Themen.

 

"Die 10 Punkte der Geschichtsvermittlung in der Dokumentation Obersalzberg und ihrer Dauerausstellung" finden Sie hier als PDF.

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12.07.2017

Mit bislang 66.807 Besucherinnen und Besuchern kann sich die Dokumentation Obersalzberg über das zweitbeste Halbjahresergebnis ihres Bestehens freuen. Weitere Informationen finden Sie hier.

07.07.2017

Die Dokumentation Obersalzberg sucht Exponate für die neue Dauerausstellung und hofft auf viele spannende Dachboden-Funde. Was sich dort so alles verbergen kann, präsentierten drei Gäste gestern Medienvertretern. Sie stellten Objekte vor, die sie uns zur Verfügung gestellt hatten: Vom Fotoalbum über ein Schulheft der Mutter bis hin zum Kindergasbettchen –  zum Schutz von Säuglingen, die noch keine Gasmaske tragen konnten. Das Team der Dokumentation hatte noch weitere Stücke aus der Sammlung mitgebracht: Feldpost, den Entlassungsschein eines Berchtesgadeners aus dem KZ Mauthausen oder ein Motivkissen mit Hitlers
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03.07.2017

Wie konzipiert man eine Ausstellung? Die neue Ausstellung soll auf dem aktuellsten Stand der historischen Forschung und der Museumsdidaktik sein. Deshalb besucht das KuratorInnenteam regelmäßig Fachtagungen, um das Konzept mit Expertinnen und Experten aus verschiedenen Disziplinen und Ländern zu diskutieren. Anfang Juli veranstaltete der Leiter Axel Drecoll gemeinsam mit Frank Bajohr, dem Leiter des Zentrum für Holocaust-Studien, und dem Tourismusforscher John Lennon von der Glasgow Caledonian University eine internationale Konferenz zum Thema „Dark Touris
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27.06.2017

Die 7. durchgesehene Auflage des Begleitbandes "Die tödliche Utopie" ist erschienen und ab sofort auch als Buchhandelsausgabe zu beziehen.