24.10.09

Publikumsmagnet und zugleich "Aschenbrödel"

 

Publikumsmagnet und zugleich »Aschenbrödel«

Berchtesgaden: (24. Oktober 20009) - Seine Spezialgebiete sind SS und Polizei im Dritten Reich. Dr. Volker Dahm hat für das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München gearbeitet und die Ausstellung in der Dokumentation Obersalzberg maßgeblich entwickelt. Er war bis 30. April wissenschaftlicher Leiter der Dokumentation Obersalzberg. Am 30. September beendete Dahm seine fast 30-jährige Tätigkeit im IfZ. »Die Arbeit für die Dokumentation zwang mich zur Vertiefung meiner Kenntnisse über die NS-Zeit, unser Katalog. Die tödliche Utopie geht weit über den gängigen Forschungsstand hinaus«, sagt der Münchner Historiker, der den Spagat zwischen wissenschaftlich solider Arbeit und publikumsnaher Vermittlung immer wieder neu versucht. Aktuelle Forschungserkenntnisse sollen regelmäßig in die Dokumentation Obersalzberg einfließen, ebenso die zeitgemäße Präsentation jenseits von Schautafeln und »Flachware«. Pläne für Verbesserungen schüttelt er nur so aus dem Handgelenk. Mit etwas Wehmut verabschiedet sich Dahm vom Obersalzberg, die Dokumentation sei schließlich so etwas wie sein Baby - »und das gibt man nicht leichtfertig weg«.
 

Zehn Jahre Dokumentation Obersalzberg - was bleibt Ihnen in Erinnerung aus dieser Zeit?
Dr. Volker Dahm: Am Anfang war das eine mit viel Risiko behaftete Sache, jetzt kann man von einem grandiosen Erfolg sprechen. Wir mussten uns das Konzept komplett selbst ausdenken, es gab ja keine vergleichbare Ausstellung an Täterorten.

Sie haben die Ausstellung wissenschaftlich konzipiert und bis heute begleitet. Was würden Sie im Rückblick anders machen?
Dahm: Einiges, obwohl die Ausstellung gut ankommt. Die wichtigste Sektion mit der längs-
ten Verweildauer ist der Bereich, in dem wir über Rassenpolitik, Verfolgung und Holocaust informieren. Das sollte visuell besser und klarer strukturiert werden. Der Forschungsstand über Euthanasie zum Beispiel hat sich weiterentwickelt, das muss eingebaut werden. Der Verbindungsgang zum Bunker ist inhaltlich gut, aber visuell eine Katastrophe. Statt der unendlichen langen Plattenflucht braucht man neue Räume und eine andere Lichtstruktur. An dieser Stelle zieht die Bunker-Tür die Leute magisch an, jeder will dann sofort in den Bunker. Außerdem ist der Eingangsbereich viel zu klein, oft müssen Besucher zunächst im Freien stehen. Wenn 500 Leute dann auf einmal drin sind, begegnen diese sich beim Rundgang, da wird es oft sehr eng. Da muss seitens des Freistaats etwas passieren.

Sie meinen eine Vergrößerung der Dokumentation? Um wieviel?
Dahm: Man braucht um ein Drittel mehr Platz, als jetzt vorhanden ist. Da geht es um einige Millionen Euro. Doch die Dokumentation leistet auch viel für den Freistaat, sie hat den Ruf Berchtesgadens verbessert und das Tourismuskonzept am Obersalzberg legitimiert. Im Hinblick auf andere Einrichtungen dieser Art ist die Dokumentation die Sparvariante, alles in allem hat sie rund fünf Millionen Euro gekostet. Das geplante NS-Dokumentationszentrum in München wird jetzt mit 30 Millionen Euro beziffert - davon trägt der Freistaat ein Drittel. In Berlin hat man für die »Topographie des Terrors« bisher 40 Millionen Euro verbraucht. Im Hinblick auf andere Orte müss-
te der Freistaat für den Obersalzberg mehr Geld locker machen. Die Dokumentation führt ein Aschenbrödel-Dasein. Vielleicht sind wir auch nur beim falschen Ministerium, denn für die Dokumentation ist das Finanzministerium zuständig, das grundsätzlich sparen muss. Wir gehören ins Wissenschaftsministerium.

Mit den Besucherzahlen hat man sich sehr getäuscht. Die Dokumentation übertraf von Anfang an alle Erwartungen.
Dahm: Es gab eine Schätzung, die von etwa 40 000 Personen pro Jahr ausging. Ich habe immer an 80 000 bis 100 000 Personen pro Jahr geglaubt, man muss ja nur sehen, wieviele Leute zum Kehlstein fahren und wie groß das Informationsbedürfnis war - selbst die miserablen Broschüren gingen weg wie warme Semmeln. Uns wurde dann entgegnet, »jetzt fangen wir mal klein an, später sehen wir schon«. Später ist lange vorbei. Anfangs gab es ja nicht mal Räume für Schulklassen.

Ihr Ziel lautete, durch detaillierte Analyse über den Nationalsozialismus und den Täterort Obersalzberg »jedermann und jederfrau« aufzuklären. Kann man auf diese Weise wirklich Rechtsextreme aufrütteln?
Dahm: Wenn jemand tief in einer rechtsextremen Welt steckt, dann werden Sie ihn durch eine Ausstellung nicht bekehren. Aber Sie erreichen die Anfälligen. Wir präsentieren Tatsachen. Und zwar so, dass sich der 14-jährige Schüler ebenso etwas rausholen kann wie der Fachlehrer für Geschichte. Wir Wissenschaftler können auch einfach schreiben - wobei die Ausstellung jeder wissenschaftlichen Kritik standhalten muss.

Frappierend ist bis heute die biedere Norm und monströse Absurdität als Wesenszug des Nationalsozialismus. Was konnte man davon am Obersalzberg erkennen?
Dahm: Nichts. Nur die Normalität. Das muss-ten wir konterkarieren, doch es ist schwierig, hinter diese Fassade zu blicken. Das war ein Sprung ins kalte Wasser, manchmal musste man sich aus wenigen Aufzeichnungen vorstellen, was am Obersalzberg geredet wurde. Doch als HImmler 1944 hier zu Gast war, wird man nicht nur über Boccia-Spiele gesprochen haben. Inzwischen haben wir auch Belege gefunden, die diese Annahme stützen. Wichtig war uns immer, die Janusköpfigkeit des Dritten Reiches zu zeigen, die schöne Schauseite für die Masse und die verborgene Verbrecherseite.

Viele Leute haben sich ins Gästebuch eingetragen. Werden diese Kommentare wissenschaftlich ausgewertet?
Dahm: Es ist ein gewisses Feedback. Aber auf Dauer bleiben die Kommentare gleich, man kennt dann irgendwann alles. Mitunter wird gleichzeitig bemängelt, dass etwas fehlt und die Ausstellung zu groß ist.

Viele Prominente haben die Dokumentation schon besucht, Politiker, Schauspieler oder Popstars. Ist das von Bedeutung für Sie?
Dahm: Der VIP-Faktor hat schon einen Werbeeffekt, den wir brauchen. Wir leben nicht im luftleeren Raum, sondern in Konkurrenz mit anderen Einrichtungen. Die Anzahl der Promis ist ein Indikator für unseren Bekanntheitsgrad, die thailändische Prinzessin war ja ebenso wie Sängerin Anastacia nicht zufällig da. Dass der damalige Bayerische Ministerpräsident vor zwei Jahren die Dokumentation besuchte, hat uns gefreut. Wünschen würden wir uns, dass einmal der Bundespräsident kommt, denn wir sind doch eine bedeutende Ausstellung und die einzige weltweit, die sich nicht auf einzelne Themen des Nationalsozialismus besschränkt.

Vor dem Start der Dokumentation war die Idee in Berchtesgaden sehr umstritten. Was hat die Dokumentation Berchtesgaden - auch in der internationalen »scientific community« - gebracht?
Dahm: Berchtesgaden hatte einen schlechten Ruf wegen seiner Vergangenheit, der Vorwurf lautete, hier würde die NS-Vergangenheit verdrängt - und man schlage gleichzeitig Profit daraus. Der Ruf hat sich inzwischen komplett gewandelt, Berchtesgaden hat ein sehr gutes Image, denn man beschönigt nichts mehr. Wir haben zu Beginn versucht, möglichst viele Touristen vom Kehlsteinbesuch auch in die Dokumentation umzuleiten - inzwischen kommen viele wegen der Dokumentation. Sie ist, auch wenn es seltsam klingt, ein touristischer Standortfaktor.

Haben Sie zur Zehn-Jahres-Feier der Dokumentation einen Wunsch ans Finanzministerium?
Dahm: Die Dokumentation ist irgendwo »mein Baby«, ich sorge mich also darum, wie es weitergeht. Ich würde mir wünschen, dass das Niveau nicht sinkt, wenn ich nicht mehr da bin. Auch sollte man die Defizite im wissenschaftlichen Bereich füllen. Personell wäre mindestens noch ein Museumspraktiker nötig. Wir haben seit 2009 endlich eine Sekretärin im wissenschaftlichen Bereich und zwei neue Stellen für Musuemspädagogen in Berchtesgaden, davon ist eine bereits besetzt. Dies Arbeit hat ja völlig darniedergelegen.


Interview mit Ingrid Melcher,
in: Berchtesgadener Anzeiger vom 24. Oktober 2009


Besuchen Sie uns auf Facebook

Aktuelle Infos RSS-Feed

16.05.2013

21. Obersalzberger Gespräch am Donnerstag, 30. Mai 2013, 19.00 Uhr: Prof. Dr. Volkhard Knigge (Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora) spricht zum Thema “Die Zukunft der Vergangenheit. Wie geht es weiter mit der Gedenkstättenarbeit?"