
Fenster schliessen | Drucken (JavaScript muß aktiviert sein)
Eine hörenswerte Ergänzung zum Buch [Die tödliche Utopie] ist die ebenfalls in einer erweiterten Neuauflage vorgelegte CD Täter – Gegner – Opfer mit ausgewählten Tondokumenten zum Dritten Reich. Die insgesamt 25 Tondokumente mit einer Gesamtlaufzeit von knapp 80 Minuten sind wie folgt thematisch gegliedert: Volksgemeinschaft (vier Tondokumente: Reden von Reichsbauernführer R. Walther Darré, Reichsorganisationsleiter Dr. Robert Ley, Adolf Hitler); Verfolgung und Widerstand (fünf Tondokumente: Ansprache von Hermann Göring zur „Reichstagsbrandverordnung“, drei Ausschnitte von Verfahren vor dem Volkgerichtshof, Aufruf von Generalfeldmarschall Friedrich Paulus über den Sender des Nationalkomitees „Freies Deutschland“), Der Weg in den Krieg (fünf Reden Hitlers 1933 bis 1938), Der Zweite Weltkrieg (sechs Tondokumente, drei Reden Hitlers 1939, 1943, 1944, zwei Ansprachen von Joseph Goebbels 1945, eine Ringsendung des Großdeutschen Rundfunks zu Weihnachten 1942); Holocaust (fünf Tondokumente, eine Rede Hitlers, zwei Reden Himmlers, zwei Zeitzeugenberichte betroffener Häftlinge).
Sehr eindrucksvoll und in der Art der Edition geradezu vorbildlich!
München: Geschichte kann man nicht nur lesen, sondern sollte sie auch hören. Erst die akustische Ebene vermittelt ein authentisches Bild davon, »wie es einmal war«. Die NS-Diktatur von Adolf Hitler war sich der Macht der Massenmedien voll bewusst, der »Volksempfänger« sorgte neben den Zeitungen für den direkten Draht zu den Deutschen und wurde nach allen Regeln der Kunst instrumentalisiert. Das Institut für Zeitgeschichte aus München, das die Dokumentation Obersalzberg inhaltlich gestaltete, stellt nun eine CD mit originalen Tondukumenten aus der NS-Zeit vor, die tiefer unter die Haut geht als die Schriftebene (Dokumentation Obersalzberg: Tondokumente. Täter, Gegner, Opfer. Erhältlich im Buchhandel, beim Institut für Zeitgeschichte und der Dokumentation Obersalzberg)
Die Reden Adolf Hitlers, Hermann Görings oder Joseph Goebbels stammen aus den Jahren 1933 bis 1945. So lassen sich auch zunehmender Größenwahn bis zum Zusammenbruch verfolgen. Im Jahr 1942 gab es etwa eine Weihnachtsringsendung des Großdeutschen Rundfunks »von allen Fronten«. Damals hatte das »deutsche Reich« seine größte Ausdehnung erreicht, aus dem Berliner Studio des Großdeutschen Senders wurden Sprecher an den verschiedenen Einsatzorten aufgerufen, die der Heimat und den Kameraden an anderen Fronten Weihnachtsgrüße übermittelten. Soldaten auf der Krim stimmten das Weihnachtslied »Stille Nacht« an, in das nach und nach die Soldaten in Kreta, Zakopane, Catania, La Ciotat oder auch Limakhamari in Lappland einfielen.
Das beklemmende Gefühl, das sich beim Anhören aller 21 Tondokumente einstellt, wird an manchen Stellen besonders stark. Etwa wenn der Richter bei den Volksgerichtshof-Prozessen nach dem gescheiterten Militärputsch die Angeklagten niederschreit, beschimpft und als »Häufchen Elend« titutliert. Oder bei den Geheimreden Heinrich Himmlers vom 4. Oktober 1943 und 21. Juni 1944 bei einer SS-Gruppenführertagung in Posen sowie vor Generälen und Gau- und Kreisleitern der NSDAP in Sont-hofen. Dabei spricht Himmler über die »Endlösung der Judenfrage«, die er als »niemals genanntes und niemals zu nennendes Ruhmesblatt« bezeichnet. Wenn man einen Bazillus nicht komplett ausrotte, tönt es aus dem Lautsprecher, werde man selbst daran sterben. Und der Blick in die Zukunft rechtfertige auch die Ermordung von jüdischen Frauen und Kindern. »In den Kindern werden die Rächer groß, die dann unsere Väter und Enkel umbringen«. Der Bombenkrieg, so Himmler, wäre nie durchzuführen gewesen, wenn es zu diesem Zeitpunkt noch »Juden in den Städten« gegeben hätte. Sein Fazit zur »Endlösung der Judenfrage« lautet schlicht: »Gut, dass wir die Härte hatten«.
Einige der Reden gehören auch zur Dauerausstellung am Obersalzberg, doch die Historiker Albert Feiber und Dr. Volker Dahm vom Institut für Zeitgeschichte haben für die 71 Minuten dauernde CD auch weitere Quellen beigesteuert. Die CD bildet einen Bestandteil des »pädagogischen Koffers«, an dem man noch arbeitet, der Schulen und Weiterbildungsinstituten gegen einen Unkostenbeitrag zur Verfügung gestellt werden soll. Die Anregung für die CD kam ebenfalls von Pädagogen, die in den Tondokumenten eine wertvolle Ergänzung für den Geschichtsunterricht zum »Dritten Reich« sehen.
Gegen all die Verblendung, den Größenwahn und die bombastischen Ideen über das »germanische Reich deutscher Nationen« setzen die Herausgeber der CD (die sich an denselben Kategorien wie der Katalog entwickelt) klugerweise zwei stille Dokumente. Anita Lasker und Lotte Grunow berichten über ihre Erlebnisse als KZ-Häftlinge in Auschwitz und Bergen-Belsen sowie die Befreiung am 15. April 1945. Lasker war die »Cellistin von Auschwitz« und emigrierte nach dem Krieg nach London, wo sie als Cellistin des Londoner English Chamber Orchestera Karriere machte. »Wir können es nicht begreifen«, lautet ihr fassungsloses Statement zum Einmarsch der Befreier in Bergen-Belsen, von wo ihr vor allem Hunger und Durst in Erinnerung blieben. »Meine Eltern sind auch dabei kaputt gegangen, aber wir blicken jetzt vorwärts«, sagt Lasker in dem Tondokument nüchtern. Sie spricht, wie auch Lotte Grunow, mit leiser Stimme, ein wichtiger Gegensatz zu den oft schnarrenden, brüllenden Tönen der NS-Führungsriege. Die Stimmen der Frauen klingen so, als würden sie selbst nicht ganz glauben, welche Ungeheuerlichkeiten Menschen sich ausdenken (und überleben) können.
Fenster schliessen | Drucken (JavaScript muß aktiviert sein)